Rund um das Kirchenjahr

UNSERE LIEBE FRAU VON JERUSALEM

am 21. November 2023

Noch nie habe ich in einer Kirche eine Mariendarstellung zu diesem heute sehr unbekannten Mariengedenktag gesehen, außer in der Pfarrkirche in Ampfing. „Mariä Opferung“ hieß der Tag früher und er meint die Darbringung Mariens als dreijähriges Kind durch ihre Eltern im Tempel. Es handelt sich um ein nicht biblisches, sondern apokryphes Fest. Es geht zurück auf das Protoevangelium (auch Protevangelium des Jakobus genannt) des Jakobus, das bedeutet „Vorevangelium“. Dieses Evangelium entstand erst im 2. Jahrhundert, beinhaltet die Geschichte Marias in zahlreichen Legenden. Es war eine Art „Verteidigungsschrift“ gegen antichristliche Polemik jüdischer Kreise[1], die die Jungfräulichkeit Marias und ihre Reinheit in Frage stellten und Maria ein Verhältnis mit einem römischen Soldaten nachsagten. Und auch gegen innerkirchliche Strömungen, die in Jesus nur einen von Gott adoptierten Menschen oder die Gottheit Christi rein geistig verstehen, nicht als menschgewordenen Gott. – Das Jakobusevangelium wurde nicht in das Neue Testament aufgenommen. Bis ins 14. Jahrhundert hat die Kirche gezögert, diesen Gedenktag aus der Ostkirche zu übernehmen. Durch das 2. Vatikanische Konzil wurde „Mariä Opferung“ in „Unsere Liebe Frau von Jerusalem“, ein Kirchweihfest, umbenannt: Maria wird in der Darstellung des Lukasevangeliums als das neue Zion, als Bild Jerusalems und des Volkes Israels verstanden und damit als Urbild und Mutter der Kirche, von Papst Paul VI. am 21. November 1964 feierlich verkündet.

Die biblische Forschung hat festgestellt, dass es in Jerusalem nie Tempeljungfrauen gegeben hat. So kann Maria auch nicht von ihren Eltern dort als solche dargebracht worden sein. Doch der Gedanke, dass Maria ganz auf Gott ausgerichtet ist, durchzieht das Evangelium und den Glauben der Kirche.

Franz von Sales war dieser Gedenktag sehr wichtig: er wollte, dass die Heimsuchungsschwestern an diesem Tag jährlich ihre Gelübde erneuern. Bis heute erneuern alle salesianischen Gemeinschaften an diesem Tag ihre Gelübde, nicht im kirchenrechtlichen Sinn, sondern als eine geistliche Übung zur inneren Erneuerung.

Sr. M. Franziska


[1] Vgl. „Welt und Umwelt der Bibel“ 4/2009, S.33ff.